“TOP – Die neue Wissenschaft vom bewussten Lernen” von K. Anders Ericsson und Robert Pool…

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…. stellt die Behauptung auf, dass Talent überschätzt ist und belegt diese Behauptung, in dem es das Vorgehen von Experten auf dem Weg zur Expertise analysiert und zeigt, was die Expertise des Einzelnen ausmacht.

Die Autoren

Die beiden Autoren sind dabei selbst Experten. K. Anders Ericsson ist 1947 geboren. Er ist Professor für Psychologie an der Florida State University. Seine Studien genießen in Fachkreisen hohes Ansehen. Unter anderem führte er auch Studien am Max-Planck-Institut durch, die belegen, dass man 10.000 Stunden in 10 Jahren gezielt geübt haben muss, um ein Experte auf einem Gebiet zu sein.
Sein Co-Autor Robert Pool ist ein bekannter amerikanischer Wissenschaftsredakteur. Er schreibt beispielsweise für Science, Nature und den New Scientist.
Die eigentlich spannende Frage, wie man Experte wird, wird im Buch auf insgesamt 368 Seiten für die unterschiedlichen Bereiche und Gebiete erläutert. Fakt ist jedoch auch, dass es so etwas wie ein Universalgenie nicht gibt.

Die Struktur und der Inhalt des Buches

Insgesamt ist das Buch in 13 Teile geteilt. Zunächst ist da die Vorbemerkung der Autoren, in der sie ihre Beweggründe darlegen, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Im Rahmen der Vorbemerkung wird aber auch deutlich, dass es sich um eine strikte Trennung der Arbeitsbereiche handelt. K. Anders Ericsson gilt in diesem Autorenteam als Experte. Der andere, Robert Pool, ist hingegen eher als der Schreiber zu sehen. Da das Buch manches mal auch in Ich-Perspektive geschrieben ist, beziehen sich beide Autoren jedoch eher auf die Erfahrung Ericssons.
Meiner Meinung nach führt diese Vorbemerkung zu einer guten Vorbereitung, denn obwohl diese Vorbemerkung nur eine Seite lang ist, bereitet sie den Leser auf das vor, was zu erwarten ist. Diese Vorbemerkung ist jedoch nicht als eine inhaltliche Einleitung in das Thema zu sehen, denn in der Vorbemerkung geht es um Formalitäten.

Im Anschluss folgt dann die inhaltliche Einführung in das Thema. Hier beschäftigen sich die beiden Autoren zunächst mit dem Aspekt der Gabe. Wer kann was und warum? Mit dieser Frage beschäftigt sich K. Anders Ericsson während des gesamten Verlaufs seines Buches. Er analysiert unter anderem Sportler, Musiker, Schachspieler, Ärzte, Kaufleute, Lehrer und auch andere, und offenbart dem Leser zwar nicht seine kompletten Studien, wohl aber das Wissen, das sich aus diesen Studien ableiten ließ. Im Anschluss, im Rahmen der Einleitung, erklärt er, dass die Gabe oder auch das Talent zwar eine Grundlage für viele Fähigkeiten bilden, sie jedoch eher als eine Option oder Möglichkeit zu betrachten ist. Wenn Kinder zur Welt kommen, haben sie eine Reihe dieser Optionen, dieser Entwicklungsmöglichkeiten, sich in die eine oder andere Richtung zu entfalten. Was aber macht nun den Sportler zum Sportler, den Musiker zum Musiker, den Schachspieler zum Schachspieler, den Arzt zum Arzt, den Kaufmann zum Kaufmann und den Lehrer zum Lehrer? Was macht einen Menschen zu einem Experten auf seinem Gebiet?

Zunächst stellt K. Anders Ericsson einzelne Fähigkeiten dar und beginnt dabei ausgerechnet mit dem “Wunderkind” Wolfgang Amadeus Mozart.  Er zeigt auf, dass so ein absolutes Gehör, wie Mozart es hatte, eher eine Trainingssache in frühester Kindheit ist, denn ein angeborenes Talent. Wir alle hätten dieses absolute Gehör erreichen können, wenn wir entsprechend geschult worden wären.

“Insbesondere zeigen die zahlreichen Forschungsergebnisse, dass fast jeder, der das absolute Gehör besitzt, schon in früher Kindheit – im Allgemeinen mit drei bis fünf Jahren – Musikunterricht erhalten hat, Wenn das absolute Gehör eine angeborene Fähigkeit ist, dürfte es jedoch keine Rolle spielen, ob man als Kind Musikunterricht hatte oder nicht. Es dürfte nur zählen, ob man – irgendwann im Leben – so viel Musikunterricht bekommen hat, dass man die Noten kennt.” (Quelle: S. 11.)

Dieses Zitat zeigt eindeutig, dass Ericsson nicht an der Fähigkeit Mozarts zweifelt, wohl aber daran, dass diese angeboren ist.

Nachdem wir durch die Beschäftigung mit der Gabe einen ersten inhaltlichen Eindruck haben, gibt es schließlich die dritte und letzte Einleitung ins Thema. “Über dieses Buch” beschäftigt sich mit der Definition von Gabe, Potential und Fähigkeit. Letztendlich geht der Wissenschaftler davon aus, dass das Gefäß “Potential” nicht nur bis zum angeborenen Bereich gefüllt werden kann, sondern so gesehen ein Mitwachsendes Gefäß ist. Vergleichbar mit einer Schüssel, die nur bis zum Rand gefüllt werden kann, die sich aber der Füllung individuell anpassen lässt. Geht man von dieser Theorie aus, ist unser Potential vergleichbar mit einem Muskel, der sich trainieren lässt. Allerdings ähnelt es unserem Muskel noch in einem weiteren Punkt. Denn jede Fähigkeit, die unser Potential umfasst, ist einzeln und über viele Stunden hinweg zu trainieren.

Im Kapitel “Die Wirksamkeit gezielten Übens” zeigen die Autoren, dass jede einzelne Fähigkeit nach besonderen Konzepten gelernt werden muss. Erst nach etwa insgesamt 10.000 Stunden und täglichen Lernens sei aus uns so etwas wie ein Experte geworden. Unser Gehirn lerne jedoch schon frühzeitig, sich den neuen Anforderungen anzupassen und seine Fähigkeiten so auszubauen, dass sich langfristig sogar die Struktur unseres Gehirns verändert in Kapitel “Die Anpassungsfähigkeit nutzen“. Die Veränderungen treten dabei nicht erst nach Jahren zutage, sondern schon nach einigen Wochen. Dies zeigt der Experte auch anhand von zahlreichen Beispielen, wie zum Beispiel jenen, der Londoner Taxi-Fahrer. Diese Veränderungen des menschlichen Gehirns lassen sich mittels MRT und ähnlicher bildgebender Verfahren belegen und nachweisen. Auch sieht man auf diesen Bildern, wie unser Gehirn in der Lage ist, immer wieder neue Dinge miteinander zu verknüpfen.
Gleichzeitig ergeben sich langfristig mit dem Training oder dem Üben “Mentale Repräsentationen“, die man zwar im Gehirn strukturell nachweisen kann, die jedoch jedes Gehirn ein wenig anders darlegt. Was man unter mentalen Repräsentationen versteht, begegnet und eigentlich täglich im Alltag. Die meisten von uns gelten als Experten im Bereich des Lesens, gut der eine ist vielleicht ein besserer Experte als der andere, aber wir alle sind Experten im Lesen. Dies ist nur über mentale Repräsentationen möglich. Bestimmte Abläufe, die wir regelmäßig auf immer in gleichen Art und Weise durchführen, versteht unser Gehirn nicht nur als Routine und somit Langeweile, vielmehr fügt es diese Routine zu einem automatisierten Prozess zusammen.
Was also ist dann “Der Königsweg“? Der Königsweg ist zum einen die permanente Wiederholung dessen, was man lernen möchte, bei gleichzeitiger Suche nach der Herausforderung. Wenn ich beispielsweise ein Musikstück lernen soll, so bringt es nichts, immer nur die gleiche Melodie zu spielen. Vielmehr bringt es dem Gehirn etwas, das Stück in unseren Alltag einzubauen, es also nicht bloß zu spielen, sondern es im Alltag zu hören, seine Noten zu betrachten und den Spielfluss unserer Stimmung anzupassen. Außerdem helfen natürlich Unterricht, die Meinung von Experten sowie das öffentliche Vorspiel der gelernten Stücke. Natürlich sind die regelmäßigen Wiederholungen nicht unbedingt mit großem Spaß verbunden, der ehrgeizige Musiker wird sich aber auch mit Themen der Musiktheorie et cetera beschäftigen, um sich ein Stück in Perfektion anzueignen. Gleichzeitig wird er das so erworbene Wissen bei anderen Stücken nützlich anwenden können. Beim nächsten Stück wird es dadurch nicht unbedingt leichter, auch nicht unbedingt schneller, wohl aber verbessert sich die Darstellung des Stückes, sodass die Herausforderung, der man täglich begegnet, eine immer größere werden muss. Diese Prinzipien lassen sich auch in anderen Bereichen umsetzen. Natürlich müssen sie sowohl im Berufsleben wie auch im ganz normalen Alltag immer an den zu lernenden Bereich angepasst werden.
Die Prinzipien des bewussten Lernens im Arbeitsleben und im Alltag lassen sich beruflich vor allem in guten oder in effektiven Trainingsprogrammen anwenden, die auf den erlernten Beruf abgestimmt sind. Gleichzeitig ist es nicht unbedingt leicht, diese besonderen Trainingsprogramme zu entwickeln. Die Methode Trial-und-Error führt zu einer permanenten Weiterentwicklung dieser Programme, allerdings fällt hierbei auf, dass sich die Autoren an ihrer eigenen Herkunft orientieren. Die Beispiele hierfür sind eindeutig amerikanisch. Ob sich diese Maßnahmen (nicht nur die Programme als solche, sondern auch die hier beschriebenen Methoden) gleichermaßen im europäischen Raum umsetzen ließen, wäre zu testen.
Schließlich gibt es noch einen Weg zu außergewöhnlicher Leistung. Diesen Weg schlägt jeder ein, der Experte werden will und auch jenen Weg hat der Experte genau unter die Lupe genommen, bevor er sich schließlich der Frage widmete: “Was ist mit dem Naturtalent?” Dieses Buch scheint auf den ersten Blick für ein in sich abgeschlossenes Thema zu stehen. Diese Annahme wird jedoch im Kapitel “Wie geht es jetzt weiter?” widerlegt, denn dieser Teil bietet einen höchst spannenden Ausblick über jene Bereiche der Lernforschung, die noch nicht in Gänze erforscht sind. Es gibt also deutlich mehr Dinge, die wir nicht wissen, als jene, die wir wissen, wobei wir natürlich ebenfalls nicht wissen können, was wir darüber hinaus nicht wissen.

Letztendlich zeigt dieses Buch, wie wichtig es ist, Spitzenleistungen zu erforschen, wie wichtig es ist, sich aus wissenschaftlicher Sicht mit den Themen Lernen, Neuroplaszidität und zu beschäftigen. Unser Gehirn ist immer noch nicht derart grundlegend erforscht, dass es uns keine Rätsel mehr aufgibt.

Fazit

Lohnt es sich nun, ein solches Buch zu lesen? Diese Frage ist allgemein zu beantworten, denn natürlich lohnt es sich, sich mit dem Lernen, dem Erwerb von Wissen und Fähigkeiten und der eigenen Motivation zu beschäftigen. Trotzdem wird nicht jeder von uns Hirnforscher, Lernpsychologe oder Mediziner. Was also bringt es dem normalen Leser, dieses Buch zu lesen? Dieses Buch ist zugegebenermaßen von einem Experten geschrieben. Ja, manche Teilbereiche sind komplex und dennoch absolut lesenswert, denn wer begreift, wie er effizient lernt, hat nicht nur das Lernen selbst effizienter gestaltet, sondern kann sich eher dazu aufraffen, neue Dinge zu lernen und so seine eigene Neugierde befriedigen, die ihm zuvor vielleicht Angst machte. Sollte man dieses Buch als Einstieg in das Thema wählen? Als Einstieg in das Thema der Lernpsychologie erscheint mir dieses Buch zu komplex, da es sich nicht um einen klassischen Ratgeber handelt, sondern um ein echtes Fachbuch. Wer also eine Anleitung in dem Bereich Lernen sucht, wird mit diesem Buch keine Freude haben. Wer auf der Suche nach Hintergründen ist, ist hier genau richtig. Empfehlung? Ja, für Menschen, die hinter die Fassade blicken wollen.

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